Dr. Will | Speak Of The Devil
von musicampus | 27. Februar 2010 | 18:48 Uhr
Immer wenn ich Post aus Hamburg bekomme, weiß ich, dass mich wieder etwas Besonderes erfreuen wird. Denn in Hamburg sitzt ein Musikkenner, der eine Nase für Musiker der ungewöhnlichen Art hat. Meist sind deren Alben thematisch weit weg vom üblichen Mainstream, haben ihren ganz eigenen Charakter und wurden von Künstlern produziert, die ihr Handwerk gelernt und es verstanden haben.
Genau so verhält es sich bei Dr. Will, der Ende Januar 2010 sein Album Speak Of The Devil veröffentlicht hat. Von diesem Künstler habe ich vorher noch nichts gehört, geschweige denn von seinem Vorgängeralbum Itching Again. Ein Fehler, wie ich wieder einmal feststellen musste, denn dieses mir vorliegende Album Speak Of The Devil ist wirklich ungewöhnlich und der Künstler bereits seit mehr als 20 Jahren aktiver und erfolgreicher Musiker.
Verschrieb er sich zunächst der R’nB’-Szene, gab ein Aufenthalt in New Orleans, während dessen er den Louisiana-Style des R’n'B kennen und schätzen lernte, seinem künstlerischen Schaffen eine neue Wendung. Er kultivierte seine in den USA gewonnenen Eindrücke in Deutschland und avancierte im Laufe der Zeit zu einem gern gesehenen Gast nicht nur auf Festivals und Konzerten. Dr. Will spielte nicht nur für die Ludwig Seuss Band oder Willy de Ville, sondern produzierte auch die Alben von Al Jones und Chris Hall.
Bereits 2006 begann Dr. Will mit den Arbeiten an Speak Of The Devil und schon der erste Blick auf das Cover ließ mich staunen, denn nicht weniger als 18 Songs – gestaffelt in drei Aufzüge – sowie vier Videos erhält man beim Kauf der CD.
Speak Of The Devil ist ein Konzeptalbum, durch das ein roter Faden führt. Erzählt wird die Geschichte von Walter, Willie und Sally und deren Schicksale, deren Geschichten sowie kleine und große Tragödien. Eingebettet sind diese kleinen Lebensgeschichten in eine Jahrmarktattraktion – dem Voodoo Barbecue. Ein Voodoo Guru führt durchs Programm und am Ende müssen alle sterben.
Liest man, dass ein Album ein Blues Album sei, hat man eine gewisse Ahnung, was einen beim Anhören erwartet. Allerdings konnte ich diese Erwartung bereits beim ersten Song ad acta legen, da die Musik von Dr. Will sehr eigenwillig arrangiert wurde. Neben unzähligen Blues untypischen Instrumenten wie Banjo, Sitargitarre, Cello, Xylophon, Glockenspiel, Ukulele, Weingläsern, Mund-Perkussion und Beatbox wartet das Album mit elektronischen Loops und einem 20-köpfigen Kinderchor auf.
Dr. Will will mit seinem Album nicht gefallen – er biedert sich nicht mit gefälligen Arrangements und wohlgefeiltem Gesang an. Darüber sollte man sich vor dem Anhören klar sein. Doch wer sich der Herausforderung stellt, wird nicht enttäuscht sein, da Dr. Will einen unwillkürlich in die fiebrige Atmosphäre des Voodoo zieht. Ein musikalisches Spektakel, das man sich auf seiner Seite anhören kann. Wer sich hat überzeugen lassen, kann das Album bei Amazon und bei ROCKCD kaufen oder zu einem der Konzerte gehen:
06.03.10 DE Gelting, Hinterhalt
10.03.10 DE Eching, Michels Bar*
14.03.10 DE Rohrbach, Incontri
24.03.10 DE Fürth, Kofferfabrik
25.03.10 DE Lichtenfels, Stadtschloss
26.03.10 DE Bad Dürkheim, Krähenhöhle
27.03.10 DE Cloppenburg, Briefkasten
15.05.10 DE Bittstätt bei Erfurt, Himmelfahrte – OpenAir
10.12.10 DE München, ARS Musica im Stemmerhof
11.12.10 DE München, Schrottgalerie Friedel
16.12.10 DE Ingolstadt, Neue Welt
* Acoustic Performance feat. Anja Morell
Fotos: Dean Bennici
Bernd Rinser | GOT YOU
von musicampus | 22. Februar 2010 | 21:29 Uhr
Mittlerweile ist es schon wieder mehr als ein Jahr her, dass ich Southern Swamp Impressions von Bernd Rinser besprochen habe. Zwischenzeitlich berichtete ich über seine Teilnahme bei der German Blues Challenge und Ende des vergangenen Jahres erreichte mich seine Mitteilung, dass sein neues Album kurz vor der Vollendung stand. Mittlerweile ist mit GOT YOU das dritte Album einer Trilogie fertig gestellt und steht kurz vor der Veröffentlichung. Ich schätze mich glücklich, dass ich bereits vorab die Möglichkeit bekommen habe, das mittlerweile fünfte Album dieses außergewöhnlichen Bluesmusikers genießen zu dürfen.
Bernd Rinsers Musik, die er als RootsRock – southern swamp & dusty road ballads bezeichnet, ist dem weiten Feld des Americana zuzuordnen und fest mit Folk, Blues, Country und Soul verwurzelt. Daher ist die Bezeichnung Bluesmusiker eigentlich auch viel zu eng gegriffen, was einem beim Hören seiner Alben unmittelbar bewusst wird.
Ganz in der Tradition der Langspielplatte überschreitet GOT YOU nur geringfügig die 41-Minuten-Marke und bildet mit den Vorgängeralben Peace of Mind (2007), Southern Swamp Impressions/Struck By Love (2008) als Konzeptalben den Abschluss einer kleinen Reihe. Das Konzept bestand darin, ohne Drummer zu arbeiten. Die Percussion-Elemente sollten bei allen Alben nur stützend eingesetzt werden und daher wurde auf den Einsatz eines kompletten Drumsets verzichtet.
Bernd Rinser legt bei seinen Aufnahmen besonderen Wert darauf, trotz Technik und der Möglichkeiten, die einem ein Tonstudio geben kann, eine natürliche Atmosphäre zu schaffen, die seinen Werken einen atmenden und pulsierenden Charakter verleiht.
Dies gelingt ihm auch bei diesem Album wieder und lässt einen manches Mal aufhorchen. Man glaubt beim Hören wieder einmal nicht, dass es ein deutscher Künstler ist, der mit Tom Waits ähnlichem Timbre klug arrangierte Songs darbietet. Gleich das zweite Lied Biblebelt mit seinem charakteristischen Intro versetzt den Zuhörer in den Mittleren Westen der USA.
Genau das ist das Ziel Bernd Rinsers: er möchte den Zuhörer auf eine musikalische Reise mitnehmen, was ihm zweifelsohne gelingt.
Mir hat dieses Album besser gefallen als seine beiden Vorgänger – obwohl ich damals schon sehr begeistert war. Aber insgesdamt erscheint mir GOT YOU abwechslungsreicher und ausgereifter. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann bereits jetzt auf Bernds Homepage unter CDs Auszüge der Songs hören.
Foto: bs-photoart.de
Katarina Koščová | Nebotrasenie
von musicampus | 9. Januar 2010 | 15:46 Uhr
Nebotrasenie heißt der musikalische Leckerbissen der slowakischen Künstlerin Katarina Koščová, mit dem ich mich aus der Weihnachtspause zurückmelde. Während in Deutschland seit Jahresbeginn der Superstar 2010 gesucht wird, kann sich Katka, wie sie auch liebevoll genannt wird, bereits als Gewinnerin der Variante aus der Slowakei glücklich schätzen, den Absprung aus der BMG Maschinerie geschafft zu haben, in der sie kaum Einfluss auf die Songs hatte.
Nebotrasenie ist bereits das dritte Album der knapp 28jährigen und das erste, bei dem ihr das kleine Label Slnko Records als Co-Produzentin die Unabhängigkeit gibt, ihre eigene Richtung zu gehen. Mit der Sicherheit erstklassiger Musiker, die sie begleiten, hat sie ein wunderbares Werk geliefert, das unbedingt hörenswert ist.
Das Album erhielt ich zeitgleich mit zwei weiteren CDs, die ich nur kurz anspielen wollte. Zum Leidwesen der MixTape-Fee, die eigentlich mit mir Einkaufen gehen wollte, blieb ich bei Nebotrasenie hängen und war ganz gefangen von der Bandbreite der Lieder, die eine Mischung aus Chanson, Folk, Jazz und einen Hauch von Pop umfasst. Beeindruckend ist darüber hinaus, dass das Album mit der gewissen Schwere durchzogen ist, die wohl aus slawischen Einflüssen resultiert.
Erwähnenswert ist noch, dass Katka mit Blues O Nespavosti einen erstklassigen Blues präsentiert, der deshalb besonders und ungewöhnlich klingt, weil er slowakisch gesungen wird.
Nebotrasenie ist aber nicht nur eine Sammlung von Liedern, sondern auch ein Buch voller Gedichte, die von Michal Baláž geschrieben wurden. Mangels Kenntnis der slowakischen Sprache bleibt mir dies allerdings unerschlossen. Vielleicht gibt es einmal eine deutsche Übersetzung, denn Katka wird wohl in diesem Jahr Deutschland besuchen kommen. Bisher tourte sie durch Tschechien, durch die Slowakei und spielte in England. Für 2010 ist eine kleine Tour durch Deutschland, Österreich, und Frankreich geplant.
Insgesamt ist Nebotrasenie eine vorweihnachtliche Überraschung besonderer Art gewesen, über die ich mich besonders gefreut habe. Natürlich kann man über die obligatorische MySpace Seite einen Eindruck gewinnen.
The Psychos | Blood Sweat Rock’n Roll
von musicampus | 22. Dezember 2009 | 10:51 Uhr
Normalerweise verbinde ich als Norddeutscher mit Südtirol die Dolomiten und Bergidylle. Was Musik aus Südtirol angeht, bauen sich vor meinem geistigen Auge volksmusiksingende Damen im Dirndl und bärtige Zitherspieler auf. Dass dies wieder einmal nichts als Vorurteile sind, beweisen The Psychos aus Bozen, die jüngst ihr Album Blood Sweat Rock’n Roll veröffentlicht haben. Eva und Tom vom Netlabel Airbagpromo Records machten mich auf die Punk’n Roll Band aufmerksam, deren Album unter der Creative Commons-Lizenz (BY-NC-ND) steht und frei herunter geladen werden darf.
Derzeit besteht die Band, die in ihrer Urversion bereits seit 2002 besteht, aus Roberto Favalli (voc, git), Thomas Pichler (git), Marco Vicentini (b) und Daniel Grüner (dr), wobei die Band in den vergangenen Jahren einige Personalwechsel überstand.
Blut, Schweiß, Rock’n'Roll ist das Resultat einer sieben Jahre währenden Lehrzeit mit intensiven Live-Auftritten, die die Band auf die wohl schlimmsten Bühnen Europas führte. Das Album ist sehr rauh und direkt und wirkt mitunter wie eine gefährliche Mischung aus Feuer, Kunst und Leidenschaft.
Die Band spielt ihren Punk’n Roll ziemlich kompromisslos und rockt sich bereits nach wenigen Takten in das Herz des Zuhörers. Der muss allerdings dieser Musikform ziemlich zugeneigt sein, sonst fühlt er sich bereits nach den angesprochenen wenig Takten schnell überfordert.
Mir gefällt die Musik der Psychos ziemlich gut – manches Mal fühlte ich mich beim Hören an die Appetite for Destruction oder Lies von Guns N’Roses erinnert.
Außerdem bin ich mir sicher, dass man nach diesem Album mit Südtiroler Musik nie wieder Volksmusik assoziieren wird.
Allerdings wundert mich, dass auf dem Album der Hinweis über explicit lyrics fehlt.
Kristina Kanders | Say Something
von musicampus | 16. Dezember 2009 | 17:29 Uhr
Bereits heute gibt es mit der Vorstellung von Kristina Kanders und ihrem Album Say Something eine großartige kleine Vorabbescherung. Kleiner Wermutstropfen ist allerdings, dass dieses Album erst ab dem 22.01.2010 zu erwerben sein wird. Dennoch möchte ich es hier schon jetzt erwähnen, da dieses klanglich einmalige Kaleidoskop geeignet ist, seine weihnachtlichen Gutscheingeschenke sinnvoll und gut anzulegen. Mir blieb beim ersten Hören die Spucke weg, trotzdem ich zunächst nicht wusste, wie ich die Musik einordnen soll. Irgendwie klingt das Album nach Elektro, irgendwie nach Jazz, irgendwie poppig und vor allem klingt es irgendwie ungewöhnlich und abgefahren.
Diese Form der Musik scheint genau zur Vita dieser mir bis dato unbekannten und außergewöhnlichen Künstlerin zu passen. Kristina Kanders, 1962 geborene Kölnerin und Tochter der weltberühmten Konzertsängerin Agnes Giebel, ist Schlagzeugerin und Komponistin. Das musikalische Talent wurde ihr in die Wiege gelegt, denn bereits mit vier Jahren sang sie und spielte Klavier. 1987 ging sie nach New York, um dort Jazz zu studieren (Masters Degree, Queens College) und blieb dort achtzehn Jahre.
Während ihrer Zeit in New York lernte Kristina international renommierte Künstler kennen und spielte beispielsweise gemeinsam mit Cyro Baptista’s Beat the Donkey, Emiliana Torrini, Pizzicato Five, John Zorn oder Marc Ribot.
Weitere internationale Erfahrung sammelte sie bei Tourneen durch die USA, Holland und Portugal sowie musikalische Studienreisen nach Südindien und Brasilien. Außerdem war sie elf Jahre Dozentin für Schlagzeug, Percussion und Gehörbildung am Jazz & Contemporary Music Program der New School University in New York.
Derzeit produziert Kristina Kanders vornehmlich ihre eigene Musik und veröffentlichte ihr Solo Debütalbum For All People im Jahre 2008. Darauf folgten Konzerte, die sie teils allein, teils im Duo mit Bernd Gast an den Keyboards und Laptop bestritt.
Nur gute sechzehn Monate nach dem ersten Album erscheint nun im kommenden Januar das angesprochene Album Say Something, das zehn neue Kompositionen umfasst, die akustische und elektronische Klänge zwischen Jazz und Pop mit ihrer ganz persönlichen Handschrift verbinden.
Was mich an diesem Album beeindruckte, sind die durchweg experimentierfreudigen Sounds, mit denen sie arbeitet. Sie verknüpft in für mich noch nicht gehörter Form vielfältige Rhythmen und Grooves mit – ich nenne es einmal so – traditionellen Instrumenten wie Saxophon oder der wohl nicht jedem bekannten Quica.
Meine anfängliche Skepsis wich der Neugier, die dann in Begeisterung umschlug. Wer sich vorab schon einen Höreindruck verschaffen möchte, sollte ihre Website oder die obligatorische MySpace Seite besuchen. Meine beiden Favoriten des Albums sind Good Moaning und Kimnara.
Übrigens vertreibt sie, ganz independant Künstlerin, das Album selbst über iTunes, Amazon und über ihre Homepage unter music.
Die CD-Releaseparty findet am 22.01.2010 im Herbrand’s in Köln statt.
Tricky Lobsters | Black Songs
von musicampus | 19. November 2009 | 09:48 Uhr
Black Songs heißt das mittlerweile fünfte Album der Rostocker Band Tricky Lobsters. Am 07.11.2009 kam es auf den Markt und führt nach einer etwa zweijährigen Pause das fort, was seit Gründung der Formation 1996 konsequent entwickelt wurde: Rock’n Roll as Rock’n Roll can. Was auf Black Songs zu hören ist, kann mit Fug und Recht als ganz harter Tobak beschrieben werden und schlägt einem mit voller Härte in die Gehörgänge. Großartigen Rock der ganz rauhen Sorte haben die vier Rostocker zu einem Album zusammen gestellt, das Freunde des Hardrock überzeugen dürfte.
Beim ersten Anhören des Albums war ich mir noch nicht sicher, ob es mir gefällt oder nicht. Aber es entwickelte sich beim zweiten Anhören eine gewisse Faszination für die Strukturen und Arrangements – und vor allem für das Gitarrenspiel in Verbindung mit dem gnadenlosen Schlagzeug. Teilweise klingt es bluesig, teilweise nach heavy metal und immer abwechslungsreich, aber unerträglich. Dass Tricky Lobster im Song Moto Mojo mit dem I shot the Sheriff Riff überraschen, gibt dem Ganzen noch eine besondere Note.
Tricky Lobster sollte man auf keinen Fall ungehört übergehen. Es lohnt sich.
Wer es lieber live mag, hat in den kommenden Wochen mehrfach Gelegenheit dazu, Tricky Lobsters zu sehen:
20.11. Bautzen – Steinhaus
21.11. Eisenhüttenstadt – Gasoliners
11.12. Ludwigsfelde – NVA Club
18.12. Rostock – MAU Club
26.12. Salzwedel – Hanseat
27.12. Halle – Rockstation
Kongo Skulls | Perfect Suicide
von musicampus | 17. November 2009 | 10:34 Uhr
Mit den Kongo Skulls, die am 07.11.2009 nach ihrem Debütalbum Asshole nun mit Perfect Suicide das Nachfolgealbum veröffentlicht haben, landete wieder ein Album der härteren Gangart auf meinem Schreibtisch. Die Hamburger Band, die auf der legendären Reeperbahn im Herzen St. Paulis beheimatet ist, legt ein Werk vor, das mit seinen dreizehn Titeln und einer Spielzeit von etwas mehr als 44 Minuten an die gute alte LP Tradition anknüpft. Überhaupt ist das Credo der Band die Ursprünglichkeit und sie legt Wert darauf, dass die brachiale Kraft des von ihr gespielten Bluesrock ungeschönt auf den Tonträger gebannt wird.
Ziel scheint, dass die Energie der Live-Auftritte des Trios eingefangen und den Zuhörern zugängig gemacht werden soll, die sich bisher noch keinen Eindruck von den Qualitäten der Kongo Skulls verschaffen konnten. Hier werden mit harten Riffs, Breaks, Wah-Wah, Doublebass, Cowbell und fetten Basslinien sämtliche Register gezogen, um es ordentlich krachen zu lassen.
Und wie es kracht, kann man sich auf ihrer Website und bei der obligatorischen MySpace Seite anhören.
Dass man mit Rockmusik bei mir offene Türen einrennt, dürfte mittlerweile bekannt sein. Wieder einmal habe ich meinen Horizont erweitern können und freue mich, dass weitab vom Mainstream noch Musik gemacht wird, die das Etikett Rock verdient. Das Album Perfect Suicide hebt sich erfreulich vom glattgebügelten Cash Trash von durch Plattenfirmen durchgestylte und zielgruppenkompatibel gemachte Bands ab, der der heutigen Jugend von den Konzernen als Rockmusik kredenzt wird. Auch wenn in den zuletzt genannten Kreisen Image Alles ist, finde ich, es muss nicht alles Image sein.
Fotos: Axel Kuschur
Frank Ramond | Große Jungs
von musicampus | 11. November 2009 | 11:40 Uhr
Wenn zufällig ein Ereignis eintritt, das mich positiv überrascht und ich dabei zudem etwas lerne, stellt sich bei mir eine Grundzufriedenheit ein, von der ich lange zehren kann. So ist es auch bei der Ankündigung des Debütalbums Große Jungs von Frank Ramond geschehen. Zunächst einmal fragte ich mich ernsthaft, ob ich Frank Ramond kennen müsste, weil mir dessen Name nicht geläufig war. Dass ich aber seit einigen Jahren so etwas wie ein Freund seiner Kunst bin, wurde mir erst bewusst, als ich mich mit ihm zu beschäftigen begann.
Leser meines Blogs und Hörer meines Podcasts wissen, dass ich ein nicht ganz ungespaltenes Verhältnis zu Liedern mit deutschen Texten habe. Dass das unmittelbare Verstehen deutscher Texte beim Hören – im Gegensatz zu dem englischer oder französischer Texte – ein Lied entzaubern kann, weil die darin häufig verarbeiteten und preisgegeben Banalitäten oft wie ein Schlag ins Gesicht wirken, mag ein Grund sein.
Zu oft versinken meines Erachtens die Texte der deutschsprachigen Künstler – und ich betrachte noch nicht einmal Schlager oder volkstümliche Musik – im unheilvollen Dreieck aus Seichtigkeit, Betroffenheit und Missionierungsdrang. Oder in geradezu erschreckender Plattheit, die dem Ruf der Deutschen, ein Volk der Dichter und Denker zu sein, in keiner Weise gerecht wird und geradezu karikiert.
Vor einigen Jahren nahm ich mehr oder weniger unterbewusst wahr, dass ich bei einigen Künstlern beim Hören derer Lieder die Musik ausblendete und dem Inhalt der Texte zuhörte. So richtig begeistern konnte ich mich für Annett Louisans Das alles wär’ nie passiert und Lieber Orangenhaut (als gar kein Profil) von Ina Müller, weil hier Geschichten aus dem Leben so pointiert und überraschend erzählt werden, dass man einfach zuhören muss.
Autor dieser kleinen Geschichten und vieler anderer, die von weiteren Künstlern wie Roger Cicero oder Barbara Schöneberger interpretiert wurden, ist Frank Ramond. Der hat nun beschlossen, die Seiten zu wechseln und seine kleinen Geschichten als Singer/Songwriter selbst authentisch zu interpretieren. Das Ergebnis ist das bereits angesprochene Album Große Jungs.
Frank Ramond interpretiert darin dreizehn Kompositionen, die ihr Vorbild in den großen Chansons der Hochblüte französischer Musik haben und die mit lateinamerikanischen Anlehnungen verfeinert werden. Erstaunlich ist dabei seine Stimme, die unglaublich sympathisch mit einem unverwechselbaren Timbre versehen ist. Warum, fragt man sich, hat er erst jetzt sein Debüt als Sänger gegeben?
Das Album gefällt mir außerordentlich gut und hat große Chancen, Bestandteil des Soundtrack of my Life zu werden. Es sind die überraschenden Enden und die allgegenwärtige Ironie, die das Werk so hörenswert machen. Auch musikalisch gibt es überhaupt nichts zu kritisieren. Eingängige Melodien gepaart mit Arrangements, die keine Wünsche offen lassen, machen die dreizehn Lieder zu einem Hörerlebnis.
Heute abend ist Frank Ramond um 18:30 Uhr zu Gast bei rbb (TV) in der Sendung “zibb”.
Tourdaten:
12.11.2009 Zürich
13.11.2009 Niedernhausen
15.11.2009 Stuttgart
16.11.2009 Ulm
17.11.2009 Dresden
22.11.2009 Wien
23.11.2009 Linz
24.11.2009 Nürnberg
27.11.2009 Erfurt
29.11.2009 Oberhausen
Hier ist er gemeinsam mit Ina Müller auf ihrer Liebe macht taub -Tour zu sehen.
Bon Jovi | The Circle
von musicampus | 10. November 2009 | 09:55 Uhr
Bon Jovi gehören seit jeher zu der Sorte von Bands, die extrem polarisieren. Verkennen die einen Bon Jovi als Poser, weichgespülte Frauenversteherband oder mainstreamorientierte Popmaschinerie, gelten sie für die anderen als unantastbare Ikone der Rockmusik, die seit gut 25 Jahren ihren Platz im Rockolymp behaupten. Die Wahrheit wird vermutlich wie immer irgendwo zwischen den beiden Extremen liegen. Eher zufällig fiel mir gestern das aktuelle Album The Circle in die Hände, das die Rocker aus New Jersey offenbar klammheimlich produziert und veröffentlicht haben. Zumindest kam die Veröffentlichung für mich völlig überraschend.
Genauso überraschend war, dass Bon Jovi beim gestrigen Festakt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ihre erste Singleauskopplung We weren’t born to follow vor dem Brandenburger Tor präsentierten.
Das Album klingt wenig überraschend einfach nach Bon Jovi. Da werden keine neuen Wege beschritten und es wird auf Bewährtes zurückgegriffen, was aber ähnlich wie bei den Rolling Stones oder AC/DC den besonderen Reiz bei dieser Band ausmacht. The Circle klingt gewohnt druckvoll im typisch poppigen Bon Jovi Rock, gitarrenlastig mit bombastischem Backgroundgesang. Insgesamt wurden wieder sämtliche produktionstechnische Register gezogen. So ist die Produktion wieder sehr voluminös geworden und klingt sehr plastisch.
Mir gefällt ja der Stil, wie Richie Sambora Gitarre spielt und wem es wie mir geht, wird manches Mal erfreut den Lautstärkeregler während des Gitarrensolos hochdrehen.
Insgesamt ist The Circle wieder ein Album, bei dem Bon Jovi Freunde glänzende Augen bekommen, während der Rest wie gehabt keine freundlichen Worte übrig haben dürfte.
Foto: © 2009 Kevin Westenberg
Alice Hive | Shattentak
von musicampus | 9. November 2009 | 09:42 Uhr
Wenn junge Künstler unkonventionelle Wege beschreiten, um ihr Können zu perfektionieren und alles daran setzen, dieses einem breiten Publikum bekannt zu machen, finde ich das beachtenswert und konsequent. Mit Skepsis betrachte ich, wenn eine grundlegende Schulbildung zugunsten einer fixen Idee über eine ungewisse künstlerische Karriere vernachlässigt wird und der unsichere Weg in ein knallhartes Business ohne entsprechendes Handwerk beschritten wird.
Alice Hive ist der Name einer Bamberger Künstlerin, die mit fünfzehn Jahren begann, Gedichte und Songs zu schreiben. Zunächst schrieb sie Songs aus dem Genre Metal englischen Texten. Im Jahre 2008 beschloss sie, ihr Leben ganz der Musik zu widmen und rief ihr Blog alicehive.de ins Leben, auf dem sie seitdem Artikel über Kreativität, Musik und persönliche Entwicklung schreibt.
Ebenfalls 2008 Jahr beschloss sie, ihr erstes Album zu produzieren und publizierte es im August 2009 unter dem Projektnamen SHATTENTAK und dem Albumtitel „spurlos“. Alice Hive widmet sich bei diesem Projekt den Genres Electro/Pop/Rock. Das Album kann seit August 2009 gratis angehört werden. Wer Gefallen an dem Werk gefunden hat, kann das Album auch herunter laden. Alice Hive stellt dem Musikfreund frei, ob er das Album gratis herunter laden möchte oder ob er die Künstlerin mit einem selbst zu wählenden Preis unterstützen möchte
Das Album umfasst zwölf Songs, teils instrumental, zum größten Teil mit Gesang. Insgesamt wirkt das Album auf mich sehr düster und melancholisch, was von der Künstlerin offensichtlich angestrebt wird, da sie ihr Werk als Album beschreibt, das sich “mit deutschen metaphorischen Texte, eingängigen Melodien und eine melancholische Atmosphäre” auszeichne.
Zwei Lieder gefallen mir von der Idee sehr gut: das melancholische Spurlos sowie Held, in dem neben einer interessanten Hook-Line eine inspirierte E-Gitarre verblüfft. Alice Hives Stimme klingt für ihr Alter sehr erwachsen und hat eine angenehme tiefe Farbe.
Was Elektro Pop angeht, bin ich bekannter Maßen zu wenig bewandert, um mich darüber auslassen zu können, was Stil und Kreativität betrifft. Mir fallen aber sofort zwei Blogger ein, von denen einer selbst produziert und der andere ausgesprochener Elektro Freund ist. Vielleicht können die ihre Eindrücke in den Kommentaren hinterlassen oder die Gelegenheit wahrnehmen und selbst über Alice Hive zu bloggen. HappyBuddha hat es übrigens bereits getan.






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