Dr. Will | Speak Of The Devil
von musicampus | 27. Februar 2010 | 18:48 Uhr
Immer wenn ich Post aus Hamburg bekomme, weiß ich, dass mich wieder etwas Besonderes erfreuen wird. Denn in Hamburg sitzt ein Musikkenner, der eine Nase für Musiker der ungewöhnlichen Art hat. Meist sind deren Alben thematisch weit weg vom üblichen Mainstream, haben ihren ganz eigenen Charakter und wurden von Künstlern produziert, die ihr Handwerk gelernt und es verstanden haben.
Genau so verhält es sich bei Dr. Will, der Ende Januar 2010 sein Album Speak Of The Devil veröffentlicht hat. Von diesem Künstler habe ich vorher noch nichts gehört, geschweige denn von seinem Vorgängeralbum Itching Again. Ein Fehler, wie ich wieder einmal feststellen musste, denn dieses mir vorliegende Album Speak Of The Devil ist wirklich ungewöhnlich und der Künstler bereits seit mehr als 20 Jahren aktiver und erfolgreicher Musiker.
Verschrieb er sich zunächst der R’nB’-Szene, gab ein Aufenthalt in New Orleans, während dessen er den Louisiana-Style des R’n'B kennen und schätzen lernte, seinem künstlerischen Schaffen eine neue Wendung. Er kultivierte seine in den USA gewonnenen Eindrücke in Deutschland und avancierte im Laufe der Zeit zu einem gern gesehenen Gast nicht nur auf Festivals und Konzerten. Dr. Will spielte nicht nur für die Ludwig Seuss Band oder Willy de Ville, sondern produzierte auch die Alben von Al Jones und Chris Hall.
Bereits 2006 begann Dr. Will mit den Arbeiten an Speak Of The Devil und schon der erste Blick auf das Cover ließ mich staunen, denn nicht weniger als 18 Songs – gestaffelt in drei Aufzüge – sowie vier Videos erhält man beim Kauf der CD.
Speak Of The Devil ist ein Konzeptalbum, durch das ein roter Faden führt. Erzählt wird die Geschichte von Walter, Willie und Sally und deren Schicksale, deren Geschichten sowie kleine und große Tragödien. Eingebettet sind diese kleinen Lebensgeschichten in eine Jahrmarktattraktion – dem Voodoo Barbecue. Ein Voodoo Guru führt durchs Programm und am Ende müssen alle sterben.
Liest man, dass ein Album ein Blues Album sei, hat man eine gewisse Ahnung, was einen beim Anhören erwartet. Allerdings konnte ich diese Erwartung bereits beim ersten Song ad acta legen, da die Musik von Dr. Will sehr eigenwillig arrangiert wurde. Neben unzähligen Blues untypischen Instrumenten wie Banjo, Sitargitarre, Cello, Xylophon, Glockenspiel, Ukulele, Weingläsern, Mund-Perkussion und Beatbox wartet das Album mit elektronischen Loops und einem 20-köpfigen Kinderchor auf.
Dr. Will will mit seinem Album nicht gefallen – er biedert sich nicht mit gefälligen Arrangements und wohlgefeiltem Gesang an. Darüber sollte man sich vor dem Anhören klar sein. Doch wer sich der Herausforderung stellt, wird nicht enttäuscht sein, da Dr. Will einen unwillkürlich in die fiebrige Atmosphäre des Voodoo zieht. Ein musikalisches Spektakel, das man sich auf seiner Seite anhören kann. Wer sich hat überzeugen lassen, kann das Album bei Amazon und bei ROCKCD kaufen oder zu einem der Konzerte gehen:
06.03.10 DE Gelting, Hinterhalt
10.03.10 DE Eching, Michels Bar*
14.03.10 DE Rohrbach, Incontri
24.03.10 DE Fürth, Kofferfabrik
25.03.10 DE Lichtenfels, Stadtschloss
26.03.10 DE Bad Dürkheim, Krähenhöhle
27.03.10 DE Cloppenburg, Briefkasten
15.05.10 DE Bittstätt bei Erfurt, Himmelfahrte – OpenAir
10.12.10 DE München, ARS Musica im Stemmerhof
11.12.10 DE München, Schrottgalerie Friedel
16.12.10 DE Ingolstadt, Neue Welt
* Acoustic Performance feat. Anja Morell
Fotos: Dean Bennici
Bernd Rinser | GOT YOU
von musicampus | 22. Februar 2010 | 21:29 Uhr
Mittlerweile ist es schon wieder mehr als ein Jahr her, dass ich Southern Swamp Impressions von Bernd Rinser besprochen habe. Zwischenzeitlich berichtete ich über seine Teilnahme bei der German Blues Challenge und Ende des vergangenen Jahres erreichte mich seine Mitteilung, dass sein neues Album kurz vor der Vollendung stand. Mittlerweile ist mit GOT YOU das dritte Album einer Trilogie fertig gestellt und steht kurz vor der Veröffentlichung. Ich schätze mich glücklich, dass ich bereits vorab die Möglichkeit bekommen habe, das mittlerweile fünfte Album dieses außergewöhnlichen Bluesmusikers genießen zu dürfen.
Bernd Rinsers Musik, die er als RootsRock – southern swamp & dusty road ballads bezeichnet, ist dem weiten Feld des Americana zuzuordnen und fest mit Folk, Blues, Country und Soul verwurzelt. Daher ist die Bezeichnung Bluesmusiker eigentlich auch viel zu eng gegriffen, was einem beim Hören seiner Alben unmittelbar bewusst wird.
Ganz in der Tradition der Langspielplatte überschreitet GOT YOU nur geringfügig die 41-Minuten-Marke und bildet mit den Vorgängeralben Peace of Mind (2007), Southern Swamp Impressions/Struck By Love (2008) als Konzeptalben den Abschluss einer kleinen Reihe. Das Konzept bestand darin, ohne Drummer zu arbeiten. Die Percussion-Elemente sollten bei allen Alben nur stützend eingesetzt werden und daher wurde auf den Einsatz eines kompletten Drumsets verzichtet.
Bernd Rinser legt bei seinen Aufnahmen besonderen Wert darauf, trotz Technik und der Möglichkeiten, die einem ein Tonstudio geben kann, eine natürliche Atmosphäre zu schaffen, die seinen Werken einen atmenden und pulsierenden Charakter verleiht.
Dies gelingt ihm auch bei diesem Album wieder und lässt einen manches Mal aufhorchen. Man glaubt beim Hören wieder einmal nicht, dass es ein deutscher Künstler ist, der mit Tom Waits ähnlichem Timbre klug arrangierte Songs darbietet. Gleich das zweite Lied Biblebelt mit seinem charakteristischen Intro versetzt den Zuhörer in den Mittleren Westen der USA.
Genau das ist das Ziel Bernd Rinsers: er möchte den Zuhörer auf eine musikalische Reise mitnehmen, was ihm zweifelsohne gelingt.
Mir hat dieses Album besser gefallen als seine beiden Vorgänger – obwohl ich damals schon sehr begeistert war. Aber insgesdamt erscheint mir GOT YOU abwechslungsreicher und ausgereifter. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, kann bereits jetzt auf Bernds Homepage unter CDs Auszüge der Songs hören.
Foto: bs-photoart.de
Thorsten Knublauch | Bravo-Beatles-Blitztournee
von musicampus | 21. Februar 2010 | 16:29 Uhr
Vor mehreren Wochen wurde ich vom Betreiber des befreundeten Blog German BEAT! auf Thorsten Knublauchs Buch The BRAVO BEATLES BLITZTOURNEE aufmerksam gemacht. Es sollte sich dabei um eine Zusammenstellung von Fakten rund um die 1966 in Deutschland durchgeführte Tournee der Fab Four handeln. Bei solchen Informationen lasse ich mich nicht zweimal bitten und einige wenige Wochen später lag das Werk auf meinem Schreibtisch: es hat mich mit seiner Fülle an Fakten schier erschlagen. Obwohl ich mich schon seit mehr als 20 Jahren intensiv mit den Beatles auseinandersetze, hat der Autor für die ausführliche Recherche zur Tour ein ganz besonderes Lob verdient.
Thorsten Knublauch erfüllt in dem insgesamt 251 Seiten umfassenden Buch so ziemlich jeden Wunsch rund um Informationen zu Ticketpreisen, Interviews, Setlists oder sogar Bestuhlungspläne. Interessant fand ich die Aufstellung des verwendeten Equipments, spielte 1966 in meinen Augen eine dahingehend besondere Rolle, dass John Lennon u.a. sich beispielsweise von seiner Rickenbacker E-Gitarre verabschiedete und sich der Epiphone E230TD Casion zuwandte.
Das Buch hat insofern “Nerd“-Qualiät – und das ist als Kompliment gemeint, weil Thorsten Knublauch sämtliche akribisch recherchierten Informationen ausführlich mit Fotos, Originaltickets, Plänen und Interviews belegt hat. Er hat somit eine mir bis dato unbekannte und einzigartige Dokumentation des wohl Beatles verrücktesten Wochenendes im Frühsommer 1966 geschaffen.
Sicher handelt es sich bei diesem Buch um keine herkömmliche Lektüre – aber Beatles Freunde in aller Welt dürften sich über dieses ausschließlich in englischer Sprache geschriebene Buch freuen.
Wer interessiert ist, sollte sich Thorstens Website anschauen.
Tomas Bunk mit eigenem Blog
von musicampus | 7. Februar 2010 | 16:08 Uhr
Vermutlich sagen die Namen Tomas Bunk oder Tom Bunk vielen meiner Leser zunächst einmal nichts. Auch bei mir klingelte es noch nicht, als ich im Sommer 2008 im Feuilleton der FAZ las, dass Volker Reiche in dessen Urlaubszeit durch einen gewissen Tom Bunk vertreten werde.
Erst als ich begann, den Comic in zehn Folgen täglich in der FAZ zu verfolgen, erkannte ich, dass Tom Bunk einer der Zeichner neben Don Martin, Sergio Aragonés und Dave Berg ist, der mir aus dem MAD Magazin in Erinnerung geblieben ist. Es ist seine besondere Art zu zeichnen, welche immer leicht hektisch und bewegt wirkt, die mir gefallen hat.
Der Comic in der FAZ zeigt bewegend die Geschichte, wie Tom Bunk von Berlin nach New York kommt und dort schafft und lebt. Diesen Comic fand ich so beeindruckend, dass ich ihm ein kurzes Feedback per E-Mail gab, was ihn wohl so freute, dass er sich dafür persönlich herzlich bedankte.
Vor einigen Wochen erhielt ich eine weitere Mail von ihm, in der er auf sein Blog aufmerksam machte, das er kürzlich parallel zu seiner Website ins Leben gerufen hat und regelmäßig mit seinen Bildern befüllt.
Diese Seite ist nicht nur für Freunde des skurrilen Humors ein absolutes Muss, auch seine Illustrationen sind ein Hingucker! Unbedingt sollte man sich seine Energy Units anschauen.
My Elegy | moderner Metalcore
von musicampus | 17. Januar 2010 | 17:26 Uhr
Im Laufe meines musikalischen Lebens bin ich mit bereits mit vielen Namen für Stilrichtungen konfrontiert worden und ich bin immer geneigt zu sagen, dass ich mittlerweile sämtliche Stilbezeichnungen kennen müsste. Als ich dann allerdings im vergangenen Herbst die EP Causa Finita von fünf jungen Männern aus Bruchsal hörte und erfuhr, dass der Stil moderner Metalcore genannt wird, stellte sich bei mir eine Art Aha-Effekt ein. Wieder einmal hatte ich dazu gelernt und festgestellt, dass dem Erfindungsreichtum keine Grenzen gesetzt sind und dieser Stil bereits weitreichend etabliert ist. Ob ich jemals Freund dieser Stilrichtung werde, dürfte allerdings fraglich sein. Was uns My Elegy auf der EP bietet, ist schon starker Tobak. Nicht, dass mir harte Musik nicht gefallen würde, aber hier fühlte ich mich – ich beschreibe es einmal so: überfordert.
Im Jahre 2005 wurde My Elegy in Bruchsal gegründet und besteht aus Kevin Becker (voc), Norman Trautmann (git), David Becker (git), Christoph Becker (bass) und Markus Mohr (drums). Ihre Ziele sind hoch gesteckt und ambitioniert, denn sie wollen nicht nur Deutschland und Europa erobern, sondern am liebsten die ganze Welt.
Die ersten Schritte haben sie bereits erfolgreich hinter sich gebracht, denn sie haben bereits mehrere lokale Bandwettbewerbe gewonnen und konnten sich 2008 gegen 2000 andere Bands behaupten. Die Folge war ein Auftritt auf dem Summer Breeze Festival, bei dem sie weitere Freunde gefunden haben.
Im Januar 2009 haben sie die angesprochene EP in Zusammenarbeit mit dem Team des Cubeaudio Studios aufgenommen.
Death, Thrash und Progressive Metal und Hardcore-Anklänge bilden die Einflüsse, auf deren Grundlage die Band ihre Songs schreibt und entwickelt. Schnelle harte Parts – und ich meine schnell und ich meine hart – wechseln sich mit langsamen druckvollen Breakdowns ab und prägen zusammen mit melodischen und emotional geladenen Interludes den besonderen Stil von My Elegy.
Genau das ist es, was die Band ausmacht: sie lieben die Freiheit, die sie sich beim Überschreiten von Grenzen verschiedener Genres nehmen und entwickeln dabei ihre eigene musikalische Sprache.
Freunde des Metal und Hardcore dürften viel Freude bei dieser Band haben. Einen Eindruck kann man sich auf ihrer MySpace Seite verschaffen.
Katarina Koščová | Nebotrasenie
von musicampus | 9. Januar 2010 | 15:46 Uhr
Nebotrasenie heißt der musikalische Leckerbissen der slowakischen Künstlerin Katarina Koščová, mit dem ich mich aus der Weihnachtspause zurückmelde. Während in Deutschland seit Jahresbeginn der Superstar 2010 gesucht wird, kann sich Katka, wie sie auch liebevoll genannt wird, bereits als Gewinnerin der Variante aus der Slowakei glücklich schätzen, den Absprung aus der BMG Maschinerie geschafft zu haben, in der sie kaum Einfluss auf die Songs hatte.
Nebotrasenie ist bereits das dritte Album der knapp 28jährigen und das erste, bei dem ihr das kleine Label Slnko Records als Co-Produzentin die Unabhängigkeit gibt, ihre eigene Richtung zu gehen. Mit der Sicherheit erstklassiger Musiker, die sie begleiten, hat sie ein wunderbares Werk geliefert, das unbedingt hörenswert ist.
Das Album erhielt ich zeitgleich mit zwei weiteren CDs, die ich nur kurz anspielen wollte. Zum Leidwesen der MixTape-Fee, die eigentlich mit mir Einkaufen gehen wollte, blieb ich bei Nebotrasenie hängen und war ganz gefangen von der Bandbreite der Lieder, die eine Mischung aus Chanson, Folk, Jazz und einen Hauch von Pop umfasst. Beeindruckend ist darüber hinaus, dass das Album mit der gewissen Schwere durchzogen ist, die wohl aus slawischen Einflüssen resultiert.
Erwähnenswert ist noch, dass Katka mit Blues O Nespavosti einen erstklassigen Blues präsentiert, der deshalb besonders und ungewöhnlich klingt, weil er slowakisch gesungen wird.
Nebotrasenie ist aber nicht nur eine Sammlung von Liedern, sondern auch ein Buch voller Gedichte, die von Michal Baláž geschrieben wurden. Mangels Kenntnis der slowakischen Sprache bleibt mir dies allerdings unerschlossen. Vielleicht gibt es einmal eine deutsche Übersetzung, denn Katka wird wohl in diesem Jahr Deutschland besuchen kommen. Bisher tourte sie durch Tschechien, durch die Slowakei und spielte in England. Für 2010 ist eine kleine Tour durch Deutschland, Österreich, und Frankreich geplant.
Insgesamt ist Nebotrasenie eine vorweihnachtliche Überraschung besonderer Art gewesen, über die ich mich besonders gefreut habe. Natürlich kann man über die obligatorische MySpace Seite einen Eindruck gewinnen.
Frohe Weihnachten 2009
von musicampus | 24. Dezember 2009 | 14:43 Uhr
Irgendwann einmal habe ich hier das Phänomen beschrieben, dass die Zeit schneller zu verstreichen scheint, je älter man wird. Eine Lösung für dieses Empfinden könnte das Verhältnis von bspw. einem gelebten Jahr zum tatsächlichen Lebensalter sein, das von Jahr zu Jahr kleiner wird. So kommt es, dass heute wieder einmal Heiligabend vor der Tür steht und ich das Gefühl habe, dass der letzte Beitrag an einem 24.12. noch gar nicht so lange her ist. Wenn ich dann aber an dieses für mich turbulente Jahr mit einschneidenden Ereignissen denke, frage ich mich, wie diese alle im Jahre 2009 Platz finden konnten.
Hinzu kam die sich verändernde Bloggerwelt – Blogs sind tot, es lebe das Microblogging, dem auch mich mich nicht mehr ganz entziehen kann. Die Anzahl meiner Podcastepisoden ist – allerdings nicht deswegen – drastisch geringer geworden, die meiner Blogbeiträge ist wieder gestiegen. Ich habe wieder interessante Menschen kennen gelernt, über die ich hier entweder berichtete oder die selbst zu Wort gekommen sind. Der Bremer Podcast Stammtisch konnte sich in diesem Jahr etablieren und so freue ich mich, dass jetzt vierteljährlich ein verlässlicher Stamm an netten Podcasterinnen, Podcastern und Hörern den Weg zum Stammtisch findet.
Das kommende Jahr wird wieder viele neue Herausforderungen mit sich bringen, die es gilt, mit dem Podcast und Blog in Einklang zu bringen. Es würde mich freuen, wenn ich meine Hörer und Leser weiterhin mit im Grunde unberechtigter Weise unbekannten Künstlern bekannt machen kann, da ich besonders in diesem Jahr wieder festgestellt habe, wie fruchtbar und bunt die musikalische Landschaft Deutschlands abseits des Mainstream und Cash Trash ist.
Zum guten Schluss möchte ich mich wieder bei allen Lesern, Zuhörern, Kommentatoren und all denjenigen, die ich im vergangenen Jahr persönlich kennenlernen durfte, dafür bedanken, dass sie sich die Zeit nehmen und meine Beiträge regelmäßig und kritisch verfolgen.
Ich wünsche ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes und zufriedenes neues Jahr!
Euer Thomas
The Psychos | Blood Sweat Rock’n Roll
von musicampus | 22. Dezember 2009 | 10:51 Uhr
Normalerweise verbinde ich als Norddeutscher mit Südtirol die Dolomiten und Bergidylle. Was Musik aus Südtirol angeht, bauen sich vor meinem geistigen Auge volksmusiksingende Damen im Dirndl und bärtige Zitherspieler auf. Dass dies wieder einmal nichts als Vorurteile sind, beweisen The Psychos aus Bozen, die jüngst ihr Album Blood Sweat Rock’n Roll veröffentlicht haben. Eva und Tom vom Netlabel Airbagpromo Records machten mich auf die Punk’n Roll Band aufmerksam, deren Album unter der Creative Commons-Lizenz (BY-NC-ND) steht und frei herunter geladen werden darf.
Derzeit besteht die Band, die in ihrer Urversion bereits seit 2002 besteht, aus Roberto Favalli (voc, git), Thomas Pichler (git), Marco Vicentini (b) und Daniel Grüner (dr), wobei die Band in den vergangenen Jahren einige Personalwechsel überstand.
Blut, Schweiß, Rock’n'Roll ist das Resultat einer sieben Jahre währenden Lehrzeit mit intensiven Live-Auftritten, die die Band auf die wohl schlimmsten Bühnen Europas führte. Das Album ist sehr rauh und direkt und wirkt mitunter wie eine gefährliche Mischung aus Feuer, Kunst und Leidenschaft.
Die Band spielt ihren Punk’n Roll ziemlich kompromisslos und rockt sich bereits nach wenigen Takten in das Herz des Zuhörers. Der muss allerdings dieser Musikform ziemlich zugeneigt sein, sonst fühlt er sich bereits nach den angesprochenen wenig Takten schnell überfordert.
Mir gefällt die Musik der Psychos ziemlich gut – manches Mal fühlte ich mich beim Hören an die Appetite for Destruction oder Lies von Guns N’Roses erinnert.
Außerdem bin ich mir sicher, dass man nach diesem Album mit Südtiroler Musik nie wieder Volksmusik assoziieren wird.
Allerdings wundert mich, dass auf dem Album der Hinweis über explicit lyrics fehlt.
Kristina Kanders | Say Something
von musicampus | 16. Dezember 2009 | 17:29 Uhr
Bereits heute gibt es mit der Vorstellung von Kristina Kanders und ihrem Album Say Something eine großartige kleine Vorabbescherung. Kleiner Wermutstropfen ist allerdings, dass dieses Album erst ab dem 22.01.2010 zu erwerben sein wird. Dennoch möchte ich es hier schon jetzt erwähnen, da dieses klanglich einmalige Kaleidoskop geeignet ist, seine weihnachtlichen Gutscheingeschenke sinnvoll und gut anzulegen. Mir blieb beim ersten Hören die Spucke weg, trotzdem ich zunächst nicht wusste, wie ich die Musik einordnen soll. Irgendwie klingt das Album nach Elektro, irgendwie nach Jazz, irgendwie poppig und vor allem klingt es irgendwie ungewöhnlich und abgefahren.
Diese Form der Musik scheint genau zur Vita dieser mir bis dato unbekannten und außergewöhnlichen Künstlerin zu passen. Kristina Kanders, 1962 geborene Kölnerin und Tochter der weltberühmten Konzertsängerin Agnes Giebel, ist Schlagzeugerin und Komponistin. Das musikalische Talent wurde ihr in die Wiege gelegt, denn bereits mit vier Jahren sang sie und spielte Klavier. 1987 ging sie nach New York, um dort Jazz zu studieren (Masters Degree, Queens College) und blieb dort achtzehn Jahre.
Während ihrer Zeit in New York lernte Kristina international renommierte Künstler kennen und spielte beispielsweise gemeinsam mit Cyro Baptista’s Beat the Donkey, Emiliana Torrini, Pizzicato Five, John Zorn oder Marc Ribot.
Weitere internationale Erfahrung sammelte sie bei Tourneen durch die USA, Holland und Portugal sowie musikalische Studienreisen nach Südindien und Brasilien. Außerdem war sie elf Jahre Dozentin für Schlagzeug, Percussion und Gehörbildung am Jazz & Contemporary Music Program der New School University in New York.
Derzeit produziert Kristina Kanders vornehmlich ihre eigene Musik und veröffentlichte ihr Solo Debütalbum For All People im Jahre 2008. Darauf folgten Konzerte, die sie teils allein, teils im Duo mit Bernd Gast an den Keyboards und Laptop bestritt.
Nur gute sechzehn Monate nach dem ersten Album erscheint nun im kommenden Januar das angesprochene Album Say Something, das zehn neue Kompositionen umfasst, die akustische und elektronische Klänge zwischen Jazz und Pop mit ihrer ganz persönlichen Handschrift verbinden.
Was mich an diesem Album beeindruckte, sind die durchweg experimentierfreudigen Sounds, mit denen sie arbeitet. Sie verknüpft in für mich noch nicht gehörter Form vielfältige Rhythmen und Grooves mit – ich nenne es einmal so – traditionellen Instrumenten wie Saxophon oder der wohl nicht jedem bekannten Quica.
Meine anfängliche Skepsis wich der Neugier, die dann in Begeisterung umschlug. Wer sich vorab schon einen Höreindruck verschaffen möchte, sollte ihre Website oder die obligatorische MySpace Seite besuchen. Meine beiden Favoriten des Albums sind Good Moaning und Kimnara.
Übrigens vertreibt sie, ganz independant Künstlerin, das Album selbst über iTunes, Amazon und über ihre Homepage unter music.
Die CD-Releaseparty findet am 22.01.2010 im Herbrand’s in Köln statt.
Struwwelhitler | Buchtipp
von musicampus | 14. Dezember 2009 | 10:08 Uhr
Im Zuge seiner Kindheit ist wohl jeder irgendwann einmal mit dem Struwwelpeter in Berührung gekommen und hat staunend erfahren, was passieren kann, wenn man nicht folgsam ist. Auch wenn diese Geschichten von Heinrich Hoffmann über hundertfünfzig Jahre alt sind, haben sie noch immer einen pädagogischen Grundwert, auch wenn man heute die Auffassung vertreten könnte, dass auch dieser antiquiert sei. Unstrittig ist auf jeden Fall, dass der Struwwelpeter fast unzählige Adaptionen nach sich zog, von denen eine der Struwwelhitler – A Nazi Story Book by Dr. Schrecklichkeit ist.
Hierbei handelt es sich um eine Parodie des originalen Struwwelpeter, verfasst von den beiden Brüdern Robert und Philip Spence, um Hitler und seine Schreckensherrschaft der Lächerlichkeit preiszugeben. Auf schlechtem Papier und in kleinem Format gedruckt, war es der Beitrag der beiden Briten zum “Daily Sketch War Relief Fund”, der die britischen Truppen und die Opfer des deutschen Luftkriegs unterstützte.
Neben den original englischen Versen, die sich wiederum am original Struwwelpeter orientierten und die zugrunde liegenden Geschichten zeitgemäß auf Nazideutschland umdichteten, findet man die deutsche Übersetzung, die glücklicherweise nicht wortwörtlich, sondern sinngemäß im Sprachstile Hoffmanns gehalten ist.
Joachim Fest steuert mit seinem Vorwort einen Beitrag bei, der den Struwwelhitler in den zeitgenössischen Kontext einordnet und erläutert.
Mich hat dieses Büchlein fasziniert und ich möchte es jedem empfehlen, der offen für eine ungewöhnliche Lektüre ist.






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