Wise Guys in der Glocke Bremen

von musicampus | 25. Oktober 2009 | 15:06 Uhr | Artikel drucken

Wise Guys in der Glocke Bremen auf www.musicampus.deWer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden, hat mich das Leben bisher gelehrt. Dass aber derjenige, der nichts erwartet, auch wahnsinnig überrascht werden kann – und ich meine das im positiven Sinne -, habe ich vergangenen Freitag beim Konzert der Wise Guys in der Bremer Glocke erfahren. An diesem Tag gab es für mich gleich zwei Premieren: noch nie war ich vorher in dem Konzertsaal der besonderen Art, der weit über Bremens Grenzen hinaus bekannt ist. Außerdem habe ich auch noch nie ein Konzert der fünf Musiker aus dem Großraum Köln, die ihre Form der Darbietung als Vokal Pop bezeichnen, besucht.

Im Mai habe ich, als ich mit der MixTape-Fee von der ersten Etappe der Weserradtour zurückkam, einen Soundcheck der Wise Guys zu deren Auftritt anlässlich des Evangelischen Kirchentags aus der Ferne mitbekommen. Damals war ich über die Reaktion der Zuhörer ziemlich überrascht, die nicht nur begeistert waren, sondern alle den Text von Jetzt ist Sommer offensichtlich auswendig kannten. Die MixTape-Fee dagegen kannte die Wise Guys bereits und hatte im Herbst 2008 in weiser Voraussicht schon für 2009 Karten bestellt, da das Konzert 2008 bereits restlos ausverkauft war.

Vergangenen Freitag sind wir in die wieder restlos ausverkaufte Glocke gefahren und haben das zweite Bremer Konzert der diesjährigen Tour besucht. Wir haben dort ein völlig gemischtes Publikum vorgefunden. Von Kind bis Greis und von Öko bis CEO beschreibt das Spektrum wohl recht anschaulich.

Bereits als die Wise Guys die Bühne betraten, wurden sie mit frenetischem Applaus begrüßt; als das erste Lied beendet war, hatte die Band das Publikum bereits auf ihrer Seite. Mir hat das Gesamtkonzept der Gruppe von Anfang an sehr gut gefallen: tolle Gesangsdarbietungen mit intelligenten und witzigen Texten gemischt mit feinsinnigen Ansagen von Daniel “Dän” Dickopf, der das Bremer Publikum immer wieder augenzwinkernd aus der Reserve lockte und es sich nicht nehmen ließ, auf das am 29.01.2010 erscheinende neue Album Klassenfahrt hinzuweisen. Einige Lieder, die eventuell auf dem Album erscheinen werden, wurden bereits an diesem Abend vorgestellt. Außerdem wurde mit Nils Olfert der Neuzugang (seit Anfang 2009 dabei) der Wise Guys vorgestellt, den das Publikum nach seinem Solo Angels von Robbie Williams sofort in sein Herz geschlossen hat.

Der Auftritt bestand aus zwei Teilen, die durch eine kurze Pause voneinander getrennt wurden. Im ersten Teil traten die Wise Guys leger mit Jeans und Hemden auf und brachten offenbar nicht ganz so bekannte, weil vermutlich noch neue, Lieder zum besten. Indikator hierfür war das Publikum, das zwar nach jeder Nummer begeistert applaudierte, aber bis auf einige Ausnahmen noch nicht textfest war. Auffallend waren gerade im ersten Teil des Konzerts die ausgefallenen Tanzeinlagen von Marc “Sari” Sahr, der nicht nur mit seinem Hüftschwung die Zuschauerinnen begeistert haben dürfte. Auch die Ankündigung seiner Sondereinlage im zweiten Teil, in der das Publikum wiederum augenzwinkert um Nachsicht ob seines lediglich peripher vorhandenen schauspielerischen Talents gebeten wurde, dürfte mütterliche Schutzinstinkte bei der einen oder anderen Zuschauerin geweckt haben.

Überhaupt nahm das Konzert im zweiten Teil erheblich an Fahrt auf: die Band, mittlerweile in schwarze Anzüge gekleidet, bezog das Publikum immer mehr ein, sang mit ihm und forderte es zum Aufstehen und Mitklatschen auf. Das Publikum wiederum nahm den Ball auf und so ergab sich ein tolles Wechselspiel zwischen Bühne und Saal, das in einer Choreinlage des Publikums gipfelte, das durch Edzard “Eddi” Hüneke geschickt zu gesanglichen Höchstleistungen geführt wurde.

Der absolute Höhepunkt des Abends war in meinen Augen die Interpretation von Michael Jacksons Thriller, das in der Wise Guys Version Schiller heißt und neben einem deutschem Text und dem a capella Arrangement über ein überraschendes Element verfügt: gegen Ende des Songs, der uns von den Schwierigkeiten beim Lesen der Werke des (nicht nur dieses) Klassikers erzählt, rezitiert Ferenc Husta mit wunderbarem Bass zwei Strophen aus Schillers Die Bürgschaft. Selten hat mich eine Live-Darbietung dermaßen begeistert. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, sollte sich den verlinkten Ausschnitt einmal anschauen. Allerdings ist die Wirkung im Konzertsaal ungleich größer.

So war es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum die Wise Guys nicht ziehen lassen wollte und so vehement Zugabe skandierte, dass die Gruppe noch dreimal die Kür ablegte, bevor es zum obligatorischen Afterglow im Foyer übergehen sollte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein rundum gelungener Konzertabend viel zu schnell vorüber ging. Das wiederum ist ein sehr gutes Indiz dafür, dass das Konzert sehr kurzweilig war und mich begeistert hat. Jedem, dem sich die Möglichkeit bietet, sollte die Wise Guys besuchen und nicht zu lange zögern, da die Karten – zumindest in Bremen – bereits ein Jahr vor dem Konzert vergriffen sind! Wer sich nicht sicher ist, sollte sich das gegenwärtig noch aktuelle Album frei! besorgen oder den 29.01.2010 abwarten und auf Klassenfahrt gehen.

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